Herzlich willkommen – echt jetzt?

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Herzlich willkommen … ?  

Mit dem Gedanken spielend, in absehbarer Zeit vielleicht mal den Wohnort zu wechseln, hatte ich die glorreiche Idee mich beim favorisierten Tourismusverein für eine Stadtführung anzumelden. Das gäbe sicher einen erweiterten Eindruck, was mich da an Atmosphäre und Strukturen erwarten würde.                                         

Auf der Homepage der entsprechenden Tourismusseite, konnte ich das Angebot gut ausfindig machen, mit dem Hinweis, dass eine Führung nur ab 4 Personen durchgeführt würde. Das ist sicher locker machbar. Ich versuche mich anzumelden, was sich aber als erfolgloser Hürdenlauf entpuppt. Ich versuche es nun telefonisch, was meine Motiavation nach mehrmaligem Versuch erheblich schwächt, da die Mitarbeiter, gemäss treuem Telefonbeantworter „zur Zeit leider permanent beschäftigt wären“. Mit der Zeit finde ich heraus, dass ganz einfach die Öffnungszeiten in einem Büro mit einer Person recht doch recht spärlich bedient    wären und der Text auf dem Telefonbeantworter sich nicht sonderlich passend dazu eingliedern mag.

Nach längerem Suchen finde ich dann doch noch eine Kontaktadresse und setze mein Vorhaben in die Tat um, mit dem Hinweis, es wäre doch ein Leichtes, für eine Anmeldung einfach einen aktiven Link zu setzen. Die trockene Antwort, aber immerhin freundlich gegrüsst, kommt ein paar Tage später die Botschaft, ich wäre jetzt auf der Liste verewigt und angemeldet. Allerdings mit einer falschen Anrede, da ich meinen Vornamen nicht preisgegeben hatte. Strafe folgt auf dem Fusse.

Ich freue mich auf die Durchführung und begebe mich am angemeldeten Termin, mit begleitetem Sonnenschein, ins Touristenbüro.

Dort angekommen, teilt mit die Frau mit, dass ich die einzig angemeldete Person sei, die an diesem Tag herumgeführt werden möchte und das heute leider nicht möglich wäre. Was für eine prächtige Ohrfeige mit Sonnenscheinbegleitung. Auf meinen Hinweis, wieso ich denn nicht vorher benachrichtigt worden wäre, entschuldigt sich die Dame und beteuert, das sei jetzt unglücklich gelaufen und ihre vorjährigen Einwände bei der Geschäftsversammlung, dieses Vorhaben auf diese Art eben gerade nicht anzubieten, wäre leider nicht abgesegnet worden. Sie werde das nochmals vorbringen.
Ich stehe da wie ein Pudel im Regen und vergesse einen Moment lang den Segen meiner Sonnensc
heinbegleitung.

Die Person, welche die Stadtführung durchführen möchte gesellt sich nun zu uns und bedauert für ein paar Sekunden solidarisch.
Die zwei Damen halten Kriegsrat und kommen zu einem weiteren Angebot. Die Stadtbegleiterin offenbart nun, dass sie noch eine bekannte Person, welche draussen wartet, mitgenommen hätte. Falls ich (und diese Person?) bereit wäre, den doppelten Betrag zu bezahlen, könnte man den Kassengeist vielleicht doch noch zufrieden stellen und vorgeschriebener Betrag für vier Personen wäre dann doch noch in die Scheune eingebracht. Sie lächelt. Jetzt spüre ich auch meine Lachfalten wieder und gebe sie frei zur Aussenansicht, da ich diese Bemerkung, als gelungener Scherz in einer so geschäftstüchtigen Welt erleben darf. Für einen Bruchteil eine Sekunde streichelt mich mein heimischer Gedankenblitz mit dem
alarmierenden Notruf, dass das alles andere als ein Scherz gewesen wäre, sondern purer Ernst und schliesslich – DAS Angebot der Stunde.
Da ich mit dem alten Testament an der Stelle ganz und gar nicht einverstanden bin, dass ich in solc
hen Momenten auch noch die andere Wange offerieren soll, sehe ich mich gezwungen, meine Lachmuskeln für den Rest dieser Verhandlungen gefälligst und nachhaltig zu Hause zu lassen. Das fällt mir insofern schwer, da ich noch wenige Minuten zuvor eingeweiht wurde, dass sich hier mal vor einiger Zeit eine Satirezeitschrit für lange Zeit niedergelassen hätte. Es fällt mir aber wiederum etwas leichter, als ich mich an den Nachsatz erinnere, dass diese Zeitschrift nun aber vor kurzem ins Nachbardorf ausgewandert wäre. Satire, ich fühle mit dir – seelen-wirtschaftlich nachhaltig.

An dieser Stelle sollte ich mich dann doch wieder mal etwas sammeln, um meine nächste, sinnvolle Tagesbewegung in Gang zu bringen.
– Ohrefeige 1: ich melde mich an, komme hierher und werde nicht benachrichtig, dass die Stadtrundführung nicht stattfindet.
– Ohrfeige 2: die Enschädigung dazu, für meinen doppelten Betrag meinerseits würde hier einen Ausnahme gemacht.
Meine Gehirnzellen spielen das bekannte Amokspiel und können sich partout nicht einigen, ob das jetzt anmassend, den Bestand einer Nötigung erreicht oder das Leben hier auf dem Planeten einfach einmal mehr mit dem gerade aktuellem, knallharten Zeitgeist angerempelt wurde. Ich kneife mich nachhaltig zur Erkundung meiner planetaren Präsenz und erwache für die Zeremonie der Verabschiedung meiner Verhandlungspartnerinnen.

 

Ich brauche einen Kaffee und setze mich, nach einem balsamerfülltem Spaziergang, zur weiteren Innensammlung an einen schönen Platz in einem Restaurant am See. Als ich vor Bezahlung und nach der Bestellung (wie naiv) die Tarifkarte studiere – genau: Grossstadtpreise in einem Provinzstädtchen.
Besänftigende Streicheleinheiten bekomme ich ausgerechnet da, wo ich es am wenigstens erwartet hätte, nämlich von einer hübschen, charmanten Bedienung, sie hätte sich kurz nach ihrer Anstellung hier auch schon über solche Preise gewundert. Danke mein Engel!

 

Nachklang
Wie ich einen Tag danach feststellen konnte, ist die Anmeldung auf der Homepage nun doch sehr wirtschaftlich umgesetzt, so dass ich mich jetzt also gleich mit einer professionellen Betragsüberweisung! voranmelden darf, mit allen dazugehörigen Daten.
An dieser Stelle frage ich mich dann ernsthaft, wie es wäre, wenn ich dann wieder mal vor Ort auftauche und die Stadtführung nicht stattfindet, wieviele Spesen ich dann bei einer allfälligen Rückerstattung des Betrages dann vor Ort zu begleichen hätte. Schliesslich kostet das ja alles …

Als Auswärtiger sah ich bis heute ein Touristenbüro als eine Visitenkarte für den Toreingang einer Gemeinschaft. Als finanzieller Geschäftsführer einer solchen Institution sehe ich die Aktion der Stadtrundführerin sicher als geschäftstüchtig und ende Jahr vielleicht sogar als provisionsverdächtig.
Als Seele einer solchen Gemeinde müssten sich mir alle vorhandenen Nervenstränge winden, in der Erkenntnis, dass dies letztlich wohl eher eine erfolgreiche, wirtschaftliche Form ist, um ankommende Gäste effizient zu vergraulen und fern zu halten.

Was sich hier allerdings als authentisch-kongruent gebärdet ist die Haltung der mitwirkenden Personen im gerade aktiv gestaltetem Zeitgeist, wo das Seelenpotenzial doch ganz mächtig am Hungertuch nagen muss, und dem elitären Gebot der menschlichen Trennungen vollumfänglich Rechnung getragen wird. Brav ausgeführt!

An dieser Stelle möchte ich (eigentlich) gerne eine kleine Trauerweide frisch einpflanzen, was aber bei diesen örtlich vermuteten Bodenpreisen für mich zur Zeit kaum erschwinglich sein dürfte.

j.h.r (2017)

 

* Foto: Joakim Honkasalo